Großes Teufelshorn (2362 m)

Mit dem Schiff über den Königssee, dann 1900 Höhenmeter zum Großen Teufelshorn: sieben Freilassinger zwischen Genuss und Gasgeben.

Manchmal beginnt ein Abenteuer ganz unscheinbar: mit einer Schiffsfahrt. Während andere in Badelatschen die Kühle über dem Königssee genießen, sitzt eine Gruppe von sieben Bergbegeisterten auf gepackten Rucksäcken und hofft vor allem auf eines: Tempo. Denn wer von Salet auf das Große Teufelshorn will, muss schnell sein. 1900 Höhenmeter und über 20 Kilometer liegen vor der DAV Sektion Freilassing – und zwar in straffem Takt. Der Fahrplan der Königssee-Schiffe kennt kein Pardon, weniger als 10 Stunden liegen zwischen dem ersten und letztem Boot – wobei die Fahrt nach Salet schon eine Stunde Zeit kostet. Wer das letzte Schiff verpasst, der strandet.

Mit dem ersten Schiff gleiten wir lautlos über den spiegelglatten See. Zwischen Felswänden, Wäldern, dem mittelmäßigem Trompetenspiel der Bootsbesatzung und Wasserfallrauschen rückt das Teufelshorn immer näher. Die Touristen knipsen das Echo an der berühmten Stelle, wir knipsen innerlich die Stoppuhr an. In Salet geht’s los. Hier endet die Gemütlichkeit der Fahrt und es beginnt der Dialog mit dem Berg.

Der Pfad zur Wasseralm führt uns anfangs noch sanft durchs Tal. Das Tempo: „zügig mit Blick auf die Uhr“. Denn selbst mit Bootsanbindung bleibt diese Tour ein Brett – eine, die mit Kondition, Aufmerksamkeit und sauberem Schritt stilvoll bestritten werden will. Der Nationalpark zeigt sich abseits der großen Kulissen erstaunlich still. Kein Trubel. Das Gefühl: wir und der Berg. Ein seltener Luxus.

Im Kessel des Röthbachwasserfalls steilt das Gelände auf. Es geht über einen feuchten aber gut versicherten Steig auf das Hochplateau der Wasseralm. Nach einer kurzen Verschnaufpause legen wir noch einen Zahn zu: Der Weg zieht in engen Kehren nach oben, wurzlig, steinig, hier und da etwas ausgesetzt. Die Gruppe fügt sich in einen leisen, effizienten Takt: wenige Worte, klare Blicke, kurzer Griff zur Wasserflasche, weiter. Das Große Teufelshorn verlangt Sorgfalt – Schritt für Schritt, Meter für Meter. Und immer diese Gewissheit: Der Tag ist lang, der Fahrplan kurz.

Nach etwa 4,5 Stunden steht sie da, die erlösende „Oben“-Stille. Wer je auf einem Gipfel ohne Menschentraube stand, kennt dieses Platzen innerer Knoten: die Luft, die plötzlich weiter wird; der Blick, der die Mühen einfängt und mühelos macht. Das Panorama? Atemberaubend, im Wortsinn. Tief unten glitzert der Königssee wie ein verirrter Smaragd, die Watzmann-Ostwand spiegelt sich darin. Rundum Fels, soweit man blickt. Kein Gipfeltrubel, kein Gedrängel am Kreuz – nur wir sieben, die eigene Erschöpfung und die große Landschaft, die alles in ein freundliches Maß rückt.

Es wäre der perfekte Moment für eine lange Gipfelrast. Aber der Tag hat Regeln, und eine heißt „letztes Schiff“. Also nur ein kurzer Happen, ein „Wow“ mit vollem Mund, ein Foto, das in die Jahre tragen soll – und dann wieder hinein in den Abstieg. Wer schon einmal zu schnell nach unten wollte, weiß: Der Berg merkt’s. Also bleibt das Tempo zwar hoch, die Aufmerksamkeit höher. Denn die fordernden Passagen wollen bergab genauso ernst genommen werden wie hinauf. Die Wasseralm zieht vorbei wie ein kurzer Film, ihr Brunnen bietet eine willkommene Rast. Ein Bier geht sich nicht aus. Weiter talwärts fährt die Konzentration noch einmal hoch, weil die Müdigkeit beginnt, sich bemerkbar zu machen. Aber die Gruppe trägt: sieben Leute, ein Takt, ein Ziel.

Die Uhr schiebt uns, der See zieht uns. Unten in Salet atmet die Anspannung ab: noch Zeit. Nicht knapp, aber knapp genug, um zu wissen, warum heute keine große Pause drin war. Wer einkehren will, muss smart planen – an diesem Tag war die Vernunft Chef de Mission. Die Schuhe dürfen endlich aufatmen, die Rucksäcke sinken zu Boden, die Schultern werden plötzlich leichter. Und das Lächeln wird breit. Diese Mischung aus Müde und Glücklich, wenn das Timing hält und der Körper liefert – genau dafür macht man solche Touren.

Was bleibt vom Großen Teufelshorn? Ein Tag in tiefem Takt. Eine Choreografie aus Wasser, Fels und Willen. Die sanfte Absurdität, mit dem ersten Schiff in die Bergwildnis einzutreten und am Ende wieder dieselbe Planke zu betreten – dazwischen aber 1900 Höhenmeter, spürbar in den Waden und im Herzen. Es bleibt die Erkenntnis, dass Tempo und Genuss keine Gegensätze sein müssen, wenn man das Tempo klug dosiert und den Genuss aus den richtigen Momenten schöpft: dem stillen Gipfel, dem langen Blick, dem leisen Miteinander einer eingespielten Gruppe.